Das Festival Janáček Brno 2022 ist in seiner Dramaturgie einem Thema gewidmet, das für die Ausformung von Janáčeks Persönlichkeit wie für die Entwicklung seines Werks von grundlegender Bedeutung war – der Beziehung zur slawischen und vor allem zur russischen Kultur. Diese Beziehung entwickelte sich ganz allmählich und führte über das Slawentum bis hin zur Liebe zur russischen Sprache und Literatur. Der Panslawismus, also die Idee von der Einheit aller slawischen Völker, war ein beherrschendes Thema des gesamten 19. Jahrhunderts, und Janáček stand wie viele Intellektuelle stark unter dem Einfluss dieser geistigen Bewegung. Ihren Einfluss auf Janáčeks stolz verkündetes Slawentum hatte sicher auch die Umgebung, in der er aufgewachsen war. Im Altbrünner Augustinerkloster, wohin er im Alter von elf Jahren gelangte, erlebte er einen starken Kult um die Slawenapostel Kyrill und Method, der auch mit Aktivitäten der nationalen Wiedergeburtsbewegung einherging. Bereits als Vierzehnjähriger war er ein glühender Anhänger der slawischen Sache und nahm mit Begeisterung an den Kyrill-und-Method-Feiern in Velehrad teil, für die er von seinem Onkel Jan Janáček ein slawisches Gewand aus „russischem Leinen“ ergattern konnte. Eine engere Beziehung zur russischen Kultur und Sprache lässt sich ab dem Beginn der Siebzigerjahre ausmachen, als der junge Leoš die Namensform Lev zu verwenden begann. Im ersten Jahr seines Wirkens als Chorleiter des Musikvereins Beseda brněnská führte er 1876 sein Melodram für Sprecher und Orchester nach Lermontows Gedicht Der Tod auf. Er hegte den sehnlichen Wunsch, beim russischen Pianisten Anton Rubinstein zu studieren, er bewunderte das Werk Tschaikowskys und freundete sich mit dem ausgesprochen slawisch orientierten Antonín Dvořák an. Seine Liebe für alles Russische deklarierte er auch durch die Wahl der Namen seiner Kinder: Olga und Vladimír. Janáčeks Interesse an Russland nahm noch zu, als sein Bruder František nach Sankt Petersburg ging. Er korrespondierte mit ihm auf Russisch und besuchte ihn dreimal in Russland. Im Jahr 1898 zählte er zu den Mitbegründern des Brünner Russischen Kreises, dessen überaus aktives Mitglied er fortan war – er beaufsichtigte den Unterricht, schaffte Zuhörer für die Vorträge herbei, beteiligte sich 1899 an der Organisation einer Feier zum hundertsten Geburtstag Alexander Puschkins. Den Russischen Kreis besuchten auch Janáčeks Ehefrau Zdenka, seine Tochter Olga und sogar seine Haushälterin Marie Stejskalová. Die Bibliothek des Russischen Kreises verfügte mit der Zeit über einen respektablen Bestand an Literatur in russischer Sprache, mit der sich Janáček nach und nach vertraut machte. Sie war ihm nahe und bestärkte ihn in seinem realistischen Blick auf das Opernschaffen. Es ist kein Zufall, dass die meisten der durch die russische Literatur inspirierten Werke Janáčeks gerade in den fünfzehn Bestehensjahren des Russischen Kreises entstanden. Darunter finden sich etwa das Klaviertrio nach Tolstois Kreutzersonate (1908), welches er später zu seinem ersten Streichquartett (1923) umarbeitete, das Märchen für Violoncello und Klavier nach Schukowskis Märchen vom Zaren Berendej (1910–1913) oder die slawische Rhapsodie Taras Bulba nach Gogols gleichnamiger Novelle  (1915–1918). Seine herausragenden musikalisch-dramatischen Werke wie die Oper Katja Kabanowa (1920) nach Ostrowskis Drama Gewitter oder die Oper Aus einem Totenhaus nach Fjodor Dostojewskis Roman Aufzeichnungen aus einem Totenhaus entstanden jedoch eher aufgrund des inspirierenden Inhalts der Werke selbst, als dass sie ein Ausdruck von Janáčeks Russophilie gewesen wären, die ihm nach dem Krieg teilweise abhanden gekommen war. Zugeneigt war Janáček auch der polnischen Kultur, im Jahr 1905 erwog er sogar, die Stelle des Direktors des Warschauer Konservatoriums anzunehmen. Er schätzte sehr den Komponisten Feliks Nowowiejski, mit dem er freundschaftlich verbunden war und dessen geistliche Kantate Quo vadis er in Brno zur Aufführung bringen wollte, was leider nicht gelang. Das Festival Janáček Brno 2022 möchte mit seiner Ausrichtung auf die slawische Kultur an diesen wichtigen Aspekt in Janáčeks Denken und in seinem Begreifen kultureller Werte erinnern.

 

The International Opera Awards

Innerhalb von nur sechs Festivaljahrgängen ist die Biennale Janáček Brno zu einem der besten Opernfestivals der Welt aufgestiegen. Als erstes Ereignis seiner Art in Tschechien wurde das Festival Janáček Brno bei den begehrten International Opera Awards zum besten Festival des Jahres 2018 gekürt (weitere Informationen unter www.operaawards.org).