7. 11. 2022, 19 Uhr

Mahen-Theater

Leoš Janáček – Tagebuch eines Verschollenen (instrumentierte Version von Miloš Štědroň und Miloš Orson Štědroň)

Iva Bittová – Nezabudka für Männer- und Frauenstimme und Klavier

Janáčeksche Miniaturen in zeitgenössischen Arrangements von Miloš Štědroň

DIRIGENT: PAVEL ŠNAJDR

SOLISTEN: JAROSLAV BŘEZINA (TENOR), IVA BITTOVÁ (ZEFKA), MARTIN PROKEŠ

 

 

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Das Arrangement für Janáčeks Tagebuch eines Verschollenen schrieben Miloš Štědroň junior und Miloš Štědroň senior im Auftrag des Verlags Bärenreiter Prag. Es war auf einer Reihe von Festivals zu hören und wurde auch vom Tschechischen Rundfunk Brno aufgenommen. Das Arrangement umfasst Tenor und Mezzosopran, drei Frauenstimmen ein elfköpfiges Kammerensemble aus Flöte (Pikkoloflöte), Klarinette (Bassklarinette), Fagott (Kontrafagott), Posaune, Celesta, Harfe, Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass und Pauke. Janáčeks Musiktext bleibt vollständig erhalten, es erfolgte lediglich eine Schichtung der verschiedenen Klangfarben.

Die Fuge für Klavier g-Moll entstand höchstwahrscheinlich im Herbst 1879 während des Studiums in Leipzig. Bald werde ich Fugen pfeifen wie ein Papagei, kommentierte Janáček in einem Brief an Zdeňka die Tatsache, dass er zum Schreiben einer größeren Zahl an Klavierfugen gezwungen war (welche die Orgelfugen verdrängten und so zu häufigen Konzertstücken wurden). Von den Fugen wusste man, doch wurden nur drei von ihnen zufällig entdeckt – und das erst bei der Archivierung der gewaltigen Sammlung Liber fugarum, welche im Laufe seines ganzen Lebens ein Freund Janáčeks, der Priester Josef Chmelíček, zusammengetragen hatte. Die Sammlung befindet sich im Besitz des Zisterzienserstifts im österreichischen Rein, dem sie Chmelíček vermacht hat. Die drei erhaltenen Fugen erschienen im Jahr 2008 bei der Editio Janáček in Brno. Nach seinen Studienjahren hat sich Janáček nie wieder der Fuge zugewandt, und seine einzige polyphone Komposition ist die meisterhafte doppelte Passacaglia Orgelsolo aus der Glagolitischen Messe.

In memoriam – das Manuskript dieser Klavierminiatur ist nicht erhalten geblieben, es existiert lediglich die gedruckte Fassung mit dem Titel Zur Erinnerung Leoš Janáček. Der Katalog Janáček´s Works (Simeone, Tyrrell, Němcová, Clarendon Press, Oxford 1997) datiert das Stück ins Jahr 1887. Es handelt sich um eine Klavierminiatur für ein Erinnerungsalbum, das Eliška Krásnohorská gewidmet war. Die Komposition ist einer der frühesten Belege für Janáčeks Stil – Akkordik statt Harmonie, eine einfache Melodie am Rande der Banalität, „entfremdet“ durch das sehr schnelle begleitende Ostinato.

In jenem Feld in Brezová – eines von Janáčeks Lieblingsliedern aus der Umgebung von Brezová an der mährisch-slowakischen Grenze, einem Ort, wo Janáček sich intensiv der Niederschrift der Volkslieder widmete und dem er eine eigenständige Studie widmete. Für Iva Bittová haben wir dieses Lied bereits für ihre CD IVA BITTOVÁ CLASSIC (Supraphon, 1998) ausgewählt.

Die Miniatur Ich erwarte dich! schrieb Janáček in Hukvaldy am 5. August 1928 – also eine Woche vor seinem Tod – für das Album für Kamila Stösslová. Die kleine zwölftaktige Komposition von geradezu Dvořákscher Inbrunst ist offensichtlich nur eine Skizze, zu welcher der Komponist im Falle seiner Rückkehr die übliche „entfremdende“ Kontrastschicht hinzugefügt hätte. Das vollständige Album brachte Jarmila Procházková im Jahr 1994 zusammen mit begleitenden Studien und Kommentaren als Publikation des Mährischen Landesmuseums Brno heraus.

Den Tanz Die Sägen kannte Janáček aus dem Landstrich, wo er seine Kindheit verbracht hatte, und nach der symphonischen Stilisierung im Geiste Dvořáks in den Lachischen Tänzen kehrte er zu diesem Tanz ein weiteres Mal im Jahr 1904 in Form einer Klavierstilisierung zurück. Die virtuose Klavierminiatur ist beispielhaft für das von Janáček geliebte Ostinato und eine Akkordik, welche die Harmonie ersetzt hat. Durch die Ostinatofigur nähert sich die Miniatur in ihrem klanglichen Ergebnis vergleichbaren Tanzstilisierungen für Piano von Béla Bartók an.

Der Altertümliche und Bleiche Frau verzeichnete Janáček in seiner Studie Über die musikalische Seite der mährischen Volkslieder aus dem Jahr 1901. Janáček beschrieb das Beispiel, das er in zwei Zeilen niederschrieb (in der ersten Zeile im Violinschlüssel den Gesang und die Geige, in der zweite Zeile im Bassschlüssel den Bass), als altertümlich lachisch und lokalisierte dieses und das folgende Beispiel als Tänze … aus der Gegend von Těšín und aus Skočov

Enigma – so haben wir eine rätselhafte Stelle aus dem letzten Teil des II. Streichquartetts Intime Briefe genannt. Die geradezu operettenhaft klingende Melodik, in der für Janáček typischen Art meisterhaft durch den klanglichen Hintergrund „entfremdet“, fiel dem Komponisten irgendwann zwischen November 1927 und Januar 1928 ein. Bei Stössls in Písek weilte er vom 2. bis 4. November  1927, als er wahrscheinlich mit Kamila eine Gastvorstellung von Ralph Benatzkys Operette Dolly besuchte (in dieser bereits vom zeitgenössischen Jazz inspirierten Operette ist dieses melodische Muster nicht zu finden). In Písek war Janáček auch noch vom 8. bis zum 12. Dezember 1927 bei Stössls. Diesmal lieh er Kamila das Buch Zdenek Fibichs Liebestagebuch von Zdeněk Nejedlý. Das Quartett entstand dann in der Zeit vom 29. Januar bis zum 19. Februar 1928.

Kreuzpolka – Adaption eines Volkslieds mit dem Text Der Bruder starb, ich blieb, bekam von ihm die Schuhe … für Gesangsstimme und Klavier. Der Katalog Janáček´s Works gibt für das Lied den Entstehungszeitraum 1908–1912 an.

III. Teil der ursprünglich fünfsätzigen Symphonie Die Donau (der Katalog Janáček´s Works datiert den Beginn der Arbeit an der unvollendeten Vokalsymphonie ins Jahr 1923 nach seiner Rückkehr aus Bratislava). Ein Satz ist verlorengegangen, doch hat Ludvík Kundera ihn bei seiner Beschreibung der Hinterlassenschaften auf Janáčeks Arbeitstisch in Hukvaldy noch gesehen und sein Incipit notiert. Dieses schnelle Allegro, zweimal durch eine lyrische Verlangsamung unterbrochen, übernahm Janáček aus seiner vorletzten Oper Die Sache Makropulos, wo es als Vokalise für die Aufwärmübungen der Emilia Marty dienen sollte. Der hohe Sopran beschreibt einen mächtigen Gradationsbogen. Dieser Teil stellt im Grunde den Höhepunkt der Symphonie Die Donau dar.

Miloš Štědroň

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