2. 11. 2022, 19.00 Uhr

Aufführungsort: Janáček-Theater

Autor: Leoš Janáček

Dirigent: Jakub Hrůša

Regie: Jiří Heřman

Ensemble: Janáček-Oper des Nationaltheaters Brno

Weitere Vorstellungen: 03.11.2022, 19.00 Uhr, 06.11.2022, 19.00 Uhr (Live-Übertragung über OperaVision), Festival-Nachlese am 26.1, 19.00 Uhr

 

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1.Akt

Die Tage im Straflager am Irtysch im russischen Zarenreich sind einer wie der andere, alle unerträglich und endlos lang. Die Häftlinge erwarten einen Neuzugang, es soll sich um einen hohen Herrn handeln. Die Wachen führen Alexander Petrowitsch Gorjantschikow herbei, der allein dafür, dass er sich als politischer Häftling bezeichnet, sofort ausgepeitscht wird. Die Häftlinge, die seine Schreie hören, versammeln sich um einen Käfig mit einem verletzten Adler: sie möchten wenigstens ihm die Freiheit schenken und entlassen ihn aus dem Käfig, doch der Adler ist nicht in der Lage, sich in die Lüfte zu schwingen. Die Rückkehr der Wachen zwingt die Häftlinge dazu, sich wieder ihrer Arbeit zu widmen, bei der sie Lieder singen und Geschichten erzählen. Beim Nähen von Bastschuhen beginnt Luka Kusmitsch von seinem Schicksal zu berichten – er hat sich beim Militärdienst gegen seine Vorgesetzten aufgelehnt und sogar seinen Major dafür umgebracht, dass er von ihm misshandelt worden war. Unterdessen bringt eine Wache den ausgepeitschten Gorjantschikow, der so geschwächt ist, dass er sich kaum auf den Beinen halten kann.

 

2.Akt

Ein Jahr ist vergangen. Mit Gorjantschikow hat sich der Tatarenjunge Aljeja angefreundet, der sich an seine Heimat erinnert. Im Lager herrscht eine relativ gute Stimmung, denn es ist ein Feiertag, so dass die Häftlinge sich von der Arbeit ausruhen können und besseres Essen und Getränke bekommen. Außerdem bereiten sie eine Theatervorstellung vor. Während der Vorbereitungen erzählt einer der Häftlinge, Skuratow, seine Geschichte: er hat einen Deutschen erschossen, der ihm sein Mädchen ausgespannt hatte. Inzwischen ist die provisorische Bühne errichtet, und das von den Häftlingen selbst aufgeführte Schauspiel über Kedril und Don Juan kann beginnen. Das Stück erheitert alle und lässt sie für einen Moment ihre Not vergessen. Doch nicht lange: ein stark betrunkener Häftling verletzt Aljeja schwer.

 

3.Akt

Aljeja wurde ins Lazarett gebracht. Einer der Kranken, Schapkin, erzählt, dass er nur wegen Landstreicherei verurteilt worden sei. Es wird dunkel, ein alter Häftling betet für seine Kinder. Im Lazarett ist auch der im Sterben liegende Luka Kusmitsch: er stöhnt und atmet schwer, ist jedoch bei Bewusstsein und lauscht der von Schischkow erzählten Geschichte. Dieser hatte Akulina, ein reiches Mädchen, gekannt, deren Ehre jedoch öffentlich ein gewisser Filka Morosow beschmutzt hatte. Daher gaben sie sie dem armen Schischkow zur Frau. In der Hochzeitsnacht stellte er fest, dass Akulina unschuldig war, doch als sich zeigte, dass sie trotz aller Verleumdungen Filka inbrünstig liebte, ermordete Schischkow sie aus Eifersucht. Bei den letzten Worten tut Luka seinen letzten Atemzug. Schischkow beugt sich zu ihm herab in erkennt in ihm auf einmal Filka Morosow. Die herbeigerufene Wache bringt den Leichnam fort und sucht außerdem nach Gorjantschikow. Dieser erfährt daraufhin vom Kommandanten, dass er entlassen ist. Er verabschiedet sich von den Häftlingen, vor allem von Aljeja, und verlässt das Lager. Gleichzeitig wird auch der Adler freigelassen, dessen Flügel inzwischen geheilt ist. Die Häftlinge bleiben zwischen den hohen Mauern zurück, wo ein Tag wie der andere ist, alle unerträglich und endlos lang.

Lichtdesign: Jiří Heřman

Kostüme: Zuzana Štefunková Rusínová

Chorleiter: Pavel Koňárek

Dramaturgie: Patricie Částková

 

In den Hauptrollen

Roman Hoza, Gianluca Zampieri, Lukáš Bařák, Jan Šťáva, Kateřina Kněžíková, Jarmila Balážová, uzw.

Mit der eigenwilligen Kombination der Oper Aus einem Totenhaus und der szenischen Fassung der Glagolitischen Messe eröffnen wir den 8. Jahrgang des Festivals Janáček Brno! Der Auftakt des Festivals wird – wie es bereits zur Tradition geworden ist – im Zeichen einer neuen Produktion der Janáček-Oper des Nationaltheaters Brno stehen. Bei ihrer Entstehung sind sich zwei herausragende Künstler erstmals begegnet – Dirigent Jakub Hrůša, für den dies die erste Zusammenarbeit mit dem Brünner Ensemble darstellt, und Regisseur Jiří Heřman, der sich hiermit nach der erfolgreichen Inszenierung des Schlauen Füchsleins im Rahmen des Festivals 2018 erneut dem Werk Janáčeks zuwendet. 

Voller Sehnsucht und Erschöpfung warte ich, ob nicht noch irgendein Sternlein vom fernen Horizont mir hell klingend in den Sinn fallen möge. Auch für sein neuntes und letztes Opernwerk suchte und fand Leoš Janáček seine Inspiration wiederum in der russischen Literatur. So wie bereits Čapeks Schauspiel Die Sache Makropulos scheinen sich auch Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus auf den ersten Blick nicht im Geringsten als Vorlage für eine Oper zu eignen. Der Aufenthalt des Schriftstellers in einem sibirischen Zuchthaus in Gesellschaft von Dieben, Mördern, aber auch von Menschen, die durch einen unglücklichen Zufall vom Wege abgekommen sind, seine zu einem literarischen Werk umgeformten persönlichen Erfahrungen – das ist eine düstere Abfolge von Erzählungen aus dem Alltagsleben wie auch über die Lebensschicksale der einzelnen Sträflinge, gemischt mit psychologischen Analysen, philosophischen Erwägungen, nahezu ohne Dialoge, ohne einen zentralen Helden und ohne weibliche Figuren. Trotz all der geschilderten Schrecken schrieb Dostojewski nach seiner Rückkehr an seinen Bruder: Ob Du es glaubst oder nicht, es sind unter ihnen tiefe, starke, schöne Charaktere; welch Freude, unter der groben Schale auf Gold zu stoßen! …  Auch Janáček erblickte in den einzelnen Figuren etwas Tieferes, Menschliches. Gegenüber Max Brod erwähnte er im Jahr 1927: Ich habe im Totenhaus eine menschliche Seele auch in Bakluschin, in Petrow und in Isai Fomitsch entdeckt. Nachdem Janáček bei Katja Kabanowa die Partitur auf der Grundlage der tschechischen Übersetzung geschrieben hatte, arbeitete er bei Dostojewskis Text direkt mit dem russischen Original, und sein Exemplar des Buches ist voller Anmerkungen und Unterstreichungen. Ein Libretto ist nie gefunden worden, lediglich eine stichwortartige Skizze ist erhalten geblieben, so dass allgemein angenommen wird, dass Janáček den Text direkt in die Partitur schrieb. Dass die Arbeit nicht leicht und frohgemut vonstatten ging, lässt sich aus einem Brief an Kamila Stösslová erahnen: Es kommt mir vor, als würde ich darin Schritt für Schritt immer tiefer sinken bis auf den Grund zu den erbärmlichsten Menschen der Menschheit. Und so fallen die Schritte denn schwer.

Janáček war es nicht mehr vergönnt, sein Werk zu vollenden. Die Partitur des 3. Akts nahm er im Sommer mit nach Hukvaldy. Dort wurde ihm eine Lungenentzündung zum Verhängnis, und er verstarb am 12. August 1928 in einem Sanatorium in Ostrava. Sein bahnbrechendes Werk blieb unvollendet. Vor der Uraufführung der Oper in Brno vervollständigten zwei Schüler Janáčeks, die Dirigenten Břetislav Bakala und Osvald Chlubna, die Instrumentierung und nahmen kleinere Veränderungen an den Gesangsparten vor. Eine Änderung erfuhr auch der pessimistische Schluss der Oper, wo bei Janáček nach der Freilassung Gorjantschikows die Wachen die Sträflinge zurücktreiben und das Leben im Totenhaus so unerbittlich wie zuvor weitergeht. Später kehrten die Inszenatoren wieder zum von Janáček ursprünglich intendierten Ausklang der Oper zurück. Mit der Festivalinszenierung wird erstmals in Tschechien eine neue kritische Edition von Prof. John Tyrrell präsentiert, in welcher das Werk so getreu wie möglich in jene Form zurückversetzt wird, wie sie von Janáček selbst erdacht, jedoch nie vollendet wurde.

Trotz des düsteren Endes vermerkte Janáček am Beginn der Partitur des Totenhauses: In jeder Kreatur ein göttlicher Funke! Und dies ist der Gedanke, der seine letzte Oper mit einem anderen seiner Werke verbindet, welches ebenso einzigartig ist – einer Messe nach einem altslawischen Text. Die Entstehung der Glagolitischen Messe überschneidet sich teilweise mit der Arbeit an der letzten Oper, und sie stellt ein mitreißendes Bekenntnis dar. Um es mit Janáčeks eigenen Worten auszudrücken: Ich wollte hier den Glauben an die Gewissheit der Nation nicht auf der religiösen Grundlage festhalten, sondern auf der sittlichen, starken Grundlage, die Gott zu ihrem Zeugen macht. Durch die szenische Fassung der Glagolitischen Messe als Fortsetzung der Oper Aus einem Totenhaus enthalten nunmehr beide Teile eine neue Aussage von der Stärke des Glaubens an den Menschen.
Patricie Částková

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