
Preisträger der 31. Internationalen Leoš-Janáček-Wettbewerbs in Brünn in der Kategorie Streichquartett.
Leoš Janáček: Streichquartett nach Lew Tolstois „Kreutzersonate“, JW VII/8
Dmitri Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 8 c-Moll, op. 110
Béla Bartók: Streichquartett Nr. 4 C-Dur, Sz. 91, BB 95
Das Streichquartett nach dem Motiv von L. N. Tolstois „Kreutzersonate“ von Leoš Janáček (1854–1928) entstand im Jahr 1923. Seine Wurzeln reichen jedoch bis in das Jahr 1908 zurück, als Janáček ein heute verschollenes Klaviertrio, inspiriert von derselben Tolstoi-Novelle, komponierte. Deren Hauptfigur ist eine Frau, die von ihrem despotischen und krankhaft eifersüchtigen Ehemann terrorisiert und schließlich zu Tode gequält wird. „Ich dachte an die arme Frau, gequält, geschlagen, erschlagen“, charakterisierte Janáček das Motiv, das sich wie ein roter Faden durch viele seiner Werke zieht. Das Quartett dringt mit leidenschaftlicher Ausdruckskraft buchstäblich bis ins Innerste menschlicher Emotionen und in die intimsten Sphären der Seele vor. Das Werk wurde bereits kurz nach seiner Uraufführung im Jahr 1924 zu einem Erfolg und zählt auch nach mehr als hundert Jahren zu den eindrucksvollsten Kompositionen der Quartettliteratur.
Erschütternde Tragik und tiefe Melancholie durchziehen die Musik des Streichquartetts Nr. 8 c-Moll, op. 110 von Dmitri Schostakowitsch (1906–1975). Das Quartett entstand im Jahr 1960 während seines Aufenthalts in Dresden, wo der Komponist Musik zu dem Film Fünf Tage – fünf Nächte über die Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg schreiben sollte. Öffentlich wurde das Werk später als Schostakowitschs entsetzte Reaktion auf die Kriegszerstörung Dresdens durch die westlichen Alliierten dargestellt, tatsächlich aber legte der Komponist in diesem Quartett ein zutiefst persönliches Bekenntnis ab. Dies unterstrich er durch Zitate aus eigenen Schlüsselwerken und durch die Verwendung seines musikalischen Monogramms D-S-C-H.
„Musik, geschrieben mit dem Blut des Herzens“ – so charakterisierte der amerikanische Dichter Carl Sandburg Schostakowitschs Musik treffend. Dieses Werk gehört zu den bedeutendsten Meisterwerken des 20. Jahrhunderts.
Das Streichquartett Nr. 4 C-Dur zählt zu den reifsten Werken von Béla Bartók (1881–1945). Es ist von Elementen der ungarischen, rumänischen und bulgarischen Volksmusik durchdrungen. Entstanden im Jahr 1928, wählte der Komponist, der bereits internationales Ansehen als Pionier des modernen musikalischen Ausdrucks genoss, einen Weg des experimentellen Suchens. Die Komposition stellt ein einzigartiges Experiment mit Klangeffekten und technischen Möglichkeiten der Streichinstrumente dar und basiert zugleich auf einer spiegelsymmetrischen Form, erfüllt von herben Dissonanzen, scharfem Kontrapunkt und unregelmäßigen Rhythmen. Dieses bahnbrechende Werk der Quartettliteratur führt die Interpreten an die Grenzen ihrer technischen Möglichkeiten und stellt für jedes Ensemble eine echte Herausforderung dar. Bartók widmete die Komposition dem berühmten belgischen Pro Arte Quartett, doch die Uraufführung erfolgte 1929 in Budapest durch das ungarische Waldbauer-Kerpely-Quartett.
Text: Ondřej Pivoda
