18. 11. 2022, 19 Uhr

Janáček Theater

Autor: Leoš Janáček

Dirigent: Tomáš Hanus

Regie: Olivia Fuchs

Welsh National Opera

Orchester des Welsh National Opera

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  1. Akt

Bereits seit fast hundert Jahren zieht sich vor Gericht ein Erbschaftsstreit zwischen den Familien Gregor und Prus, und gerade heute soll das endgültige Urteil ergehen. Albert Gregor, der die klagende Partei vertritt, kommt ins Büro seines Rechtsanwalts Kolenatý, um sich nach dem Ausgang zu erkundigen. Er trifft jedoch nur den Referendar Vítek an. Bald darauf erscheint im Büro Víteks Tochter Kristina, eine angehende Opernsängerin, und erzählt begeistert von der berühmten Sängerin Emilia Marty, die wenig später in Begleitung des Anwalts Kolenatý in der Tür erscheint. Marty erkundigt sich nach dem Stand von Gregors Gerichtsprozess und verblüfft alle Anwesenden mit ihren Kenntnissen der Ereignisse, die sich vor hundert Jahren abspielten. Sie weiß sogar von einer Affäre des längst verstorbenen Barons Prus mit einer gewissen Ellian MacGregor und kann genau den Ort benennen, an dem einige bislang noch nicht bekannte Papiere, darunter auch das Testament von Baron Prus, zu finden seien. Kolenatý glaubt ihr nicht, aber auf den Druck Albert Gregors hin begibt er sich gezwungenermaßen in Prusʼ Haus, um die genannten Dokumente dort zu suchen. Nach einer Weile kehrt er zusammen mit Gregors Gegenspieler Jaroslav Prus zurück, und die beiden verkünden, am von Marty benannten Ort tatsächlich ein Testament und andere bislang unbekannte Dokumente gefunden zu haben.

  1. Akt

Hinter den Kulissen des Theaters unterhalten sich die Bühnenarbeiter über den glanzvollen Auftritt der Sängerin Emilia Marty. Zahlreiche Verehrer warten auf sie, darunter auch Jaroslav Prus. Sein Sohn Janek trifft sich im Theater mit seinem Schatz Kristina. Diese ist von Martys Persönlichkeit vollkommen fasziniert und möchte ebenfalls eine berühmte Künstlerin werden. Marty erscheint und empfängt der Reihe nach ihre Verehrer – unter ihnen auch Albert Gregor und der schwachsinnige Hauk-Šendorf, der in ihr seine verflossene Liebe Eugenia Montez erblickt. Ermüdet schickt Marty schließlich alle weg, es bleibt nur Jaroslav Prus. Der fragt Marty nach der Geliebten seines Vorfahren aus – der Sängerin Ellian MacGregor, die die Mutter eines unehelichen Kinds des Barons war. In den Urkunden findet sie sich jedoch unter einem anderen Namen – als Elina Makropulos. Marty interessiert sich jedoch vor allem für ein versiegeltes Kuvert, das sich zwischen den übrigen Papieren befindet, doch Prus weigert sich, es ihr zu überreichen. Es erscheint Albert Gregor, um Marty seine Liebe zu gestehen – die ihn jedoch zurückweist. Auch Janek hat sich in Marty verliebt. Die Sängerin bittet ihn darum, ihr aus dem Haus seines Vaters jenen geheimnisvollen Umschlag zu besorgen, in diesem Moment tritt jedoch Prus hinzu und willigt ein, Marty den Umschlag zum Lohn für eine gemeinsame Nacht zu übergeben.

  1. Akt

Marty hat ihren Teil der Vereinbarung erfüllt und verlangt von Prus den versprochenen Umschlag. Sie erhält ihn, doch Prus ist enttäuscht – er hätte von ihrer Seite keine derartige unbeteiligte Kühle erwartet. Ein Dienstbote bringt die tragische Nachricht, dass Janek sich das Leben genommen hat, nachdem er ahnte, dass sein Vater eine Nacht mit Marty verbrachte. Der verwirrte Hauk kommt, um Marty die gemeinsame Flucht nach Spanien anzubieten. Sie erklärt sich einverstanden, doch in diesem Augenblick erscheinen Gregor, Kolenatý und Vítek mit seiner Tochter Kristina. Sie haben viele Fragen, denn nachdem Marty ein Erinnerungsfoto für Kristina unterschrieben hatte, mussten sie feststellen, dass ihr Autogramm identisch mit den Unterschriften auf den fast ein Jahrhundert alten Dokumenten ist. Sie bedrängen Marty immer mehr, bis die Sängerin schließlich ihr Geheimnis verrät. Ihr wahrer Name ist Elina Makropulos, und sie war die Tochter der Griechen Hieronymus Makropulos, der sich als Leibarzt von Kaiser Rudolph II. um die Herstellung eines Elixiers der ewigen Jugend bemühte. Er erprobte es an seiner eigenen Tochter, die nunmehr bereits 337 Jahre alt ist. Im Laufe der Jahrhunderte hat sie mehrfach ihre Identität gewechselt, unter anderem lebte sie unter dem Namen Ellian MacGregor und war damals Prusʼ Geliebte, doch war sie auch die spanische Zigeunerin Eugenia Montez, die Hauk-Šendorf in ihr erkannte. Nunmehr tritt sie als Emilia Marty auf und hat sich in die ganze Angelegenheit eingemischt, weil sie das Kuvert mit dem Rezept des Elixiers sucht – eben jenen Umschlag, den sie für eine gemeinsam verbrachte Nacht von Jaroslav Prus erhalten hat. Das Elixier wirkte nämlich nur 300 Jahre, so dass Marty, wenn sie denn weiter leben will, eine weitere Dosis einnehmen muss. Sie stellt jedoch fest, dass sie keine Freude am Leben mehr hat: ob seiner endlos langen Dauer hat es für sie jeden Sinn verloren und bereitet ihr nur noch Überdruss. Sie übergibt das Rezept Kristina und bietet ihr damit ewige Jugend, Schönheit und Ruhm. Das junge Mädchen jedoch verbrennt das Papier und entscheidet sich damit für ein zwar kurzes, aber erfülltes Leben.

Inszenierungsteam:

Regie: Olivia Fuchs

Dirigent: Tomáš Hanus

Bühne: Nicola Turner

Lichtdesign: Robbie Butler

Video design: Sam Sharples

 

In den Hauptrollen:

Emilia Marty: Angeles Blancas Gulin

Albert Gregor: Nicky Spence

Dr. Kolenatý: Gustav Belacek

Vítek: Mark Le Brocq

Krista: Harriet Eyley

Janek: Alexander Sprague

Baron Jaroslav Prus: David Stout

Graf Hauk-Šendorf: Alan Oke

Die Dienstmädchen: Julia Daramy-Williams

Der Doktor: Dafydd Allen

Die Putzfrau: Monika Sawa

Wenn jemand keine Opern mag, dann nehmt ihn mit zu Janáček, sagte einmal der Dirigent Simon Rattle – und er hat recht. Jede Oper Janáčeks ist ein Unikat, fließt rasch dahin und ist theatralisch im besten Wortsinne. So bietet denn etwa auch Die Sache Makropulos ein Sujet, das eher einem Krimi entlehnt scheint und so gar nicht zu einer Oper passen will, doch verwandelt sich bei Janáček der seit einem Jahrhundert andauernde Erbschaftsstreit rasch in ein mitreißendes Drama über die Suche nach dem Sinn des Lebens. Auf dem Festival wird Makropulos diesmal von einem der besten britischen Opernensembles präsentiert – der Welsh National Opera unter ihrem musikalischen Leiter, dem aus Brno stammenden Dirigenten Tomáš Hanus. Die Waliser kommen nicht zum ersten Mal nach Brno, bereits 2018 begeisterten sie hier mit einer ausgezeichneten Inszenierung von Janáčeks Oper Aus einem Totenhaus, und so dürfen wir uns wohl auch nunmehr auf ein besonderes Kunsterlebnis freuen. 

Aber in mir ist das Leben stehen geblieben, mein Gott, und kann nicht weiter! Ich habe es satt, gut zu sein, ich habe es satt, schlecht zu sein. Die Erde und den Himmel habe ich satt. Und der Mensch merkt, dass die Seele in ihm gestorben ist! Janáček hielt es nie lange ohne Arbeit aus; gleich nachdem er die Oper vom schlauen Füchslein vollendet hatte, begann er sich nach einem neuen Sujet umzusehen. In den Sommerferien des Jahres 1923 nahm er sich daher in die Hohe Tatra František Xaver Šaldas Drama Das Kind mit, welches ihm vielfach empfohlen worden war, aber auch Karel Čapeks Stück Die Sache Makropulos. Für Šaldas Theaterstück konnte er sich am Ende nicht recht erwärmen, aber Die Sache Makropulos begeisterte ihn so, dass er gleich nach der Rückkehr aus dem Urlaub Karel Čapek um dessen Einwilligung zu einer Opernadaption ersuchte. Čapek war zunächst skeptisch und betrachtete sein sehr unpoetisches und allzu geschwätziges Konversationsstück als Janáčeks Musik unwürdig. Auf den ersten Blick kann man Čapek hier nur zustimmen – Szenen aus dem juristischen Milieu voller Dialoge und einer verwickelten Handlung, wo die Figuren telefonieren und die Entwirrung der familiären Verflechtungen geradezu eine Aufgabe für einen professionellen Ahnenforscher ist, stellten auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht unbedingt ein typisches Opernsujet dar. Doch Janáček, der sich bereits im Schlauen Füchslein mit dem unendlichen Kreislauf des Lebens beschäftigt hatte, war fasziniert von dem, was sich in der Sache Makropulos unter den juristisch-detektivischen Verwicklungen verbirgt – der Frage, ob die Unsterblichkeit den Menschen glücklich machen kann oder ob das Leben nicht gerade dadurch seine Erfüllung erfährt, dass sein Ende unausweichlich ist. Janáček erinnerte sich später: Es hat mich gepackt. Wissen Sie, dieses furchtbare Gefühlsleben eines Menschen, für den es nie ein Ende geben wird. Das reine Unglück. Er will nichts mehr, er erwartet nichts. Daraus muss sich etwas machen lassen. Der dritte Akt, da bin ich stolz drauf: diese Dramatik, dieser Umschwung! Das habe ich gespürt, das habe ich gewollt. 

Čapek erklärte sich schließlich mit der Opernadaption einverstanden, und Janáček begann mit den notwenigen Anpassungen und Kürzungen des Ausgangstextes. Dem Schreiben der Musik widmete er weitere zwei Jahre, während aus seiner Korrespondenz hervorgeht, wie sehr ihn die Hauptfigur der Oper faszinierte: Eine 300 Jahre alte Schönheit – und ewig jung – aber nur abgebranntes Gefühl! Brr! Kalt wie Eis! Aber ich mache sie wärmer, damit die Leute Mitleid mit ihr haben. Ich werde mich noch in sie verlieben. Die Brünner Uraufführung in der Vorweihnachtszeit des Jahres 1928 weckte ungeahntes Interesse, und das Theater war vollkommen ausverkauft! Der Erfolg war überwältigend. Janáček schrieb dazu: Die unterkühlte Dame hatte einen nie erwarteten Erfolg! Es ist allen geradezu kalt den Rücken heruntergelaufen. Angeblich ist es mein größtes Werk!

Patricie Částková

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