13. 10. 2020, 19.00 Uhr

Mozart-Saal des Theaters Reduta

Klavier: Jan Bartoš

Leoš Janáček (1854–1928): 1. X. 1905 (Von der Straße), JW VIII/19

Auf verwachsenem Pfade , Reihe 1 und 2, JW VIII/17

Thema con variazioni, JW VIII/6

Im Nebel, JW VIII/22

Dieses Klavierrezital eines der begabtesten Pianisten der jüngeren Generation gehört sicherlich zu Highlights im Konzertprogramm des Festivals. Jan Bartoš hat 2019 bei Supraphon das komplette Klavierwerk Janáčeks eingespielt und veröffentlicht, wofür er umgehend von Kritikern aus verschiedenen Ländern gewürdigt wurde (so etwa als Editor’s Choice der einflussreichen Zeitschrift Gramophone).

Die Komposition 1. X. 1905 (Von der Straße) entstand spontan als Reaktion auf eine Tragödie, die sich während der Demonstrationen für eine tschechische Universität in Brünn ereignet hatte. Nach jahrelangen Bemühungen um den Aufbau eines tschechischen Hochschulwesens in der Stadt hatte die Regierung entschieden, dass die Bürger Brünns selbst über eine tschechische Universität abstimmen sollten. Die überwiegend deutschsprachigen Einwohner der Stadt befürchteten jedoch einen größeren tschechischen Einfluss, so dass ihre Repräsentanten für den 1. Oktober 1905 einen sog. Volkstag einberiefen, bei dem deutsche Vereine und Institutionen aus der ganzen weiteren Umgebung ihren Widerstand gegen die Gründung einer tschechischen Universität in Brünn kundtun sollten. Als Reaktion darauf organisierten die tschechischen Einwohner der Stadt eine große antideutsche Demonstration. Die beiden Lager lieferten sich Straßenkämpfe, gegen die die Gendarmerie und schließlich auch die Armee einschritt. Bei einem dieser Einsätze wurde in der Nähe des Gemeinschaftshauses der junge tschechische Arbeiter František Pavlík getötet. Unter dem Eindruck dieses tragischen Ereignisses schrieb Janáček sein ursprünglich dreisätziges Werk Von der Straße I. X. 1905. Unmittelbar vor der Brünner Uraufführung am 27. Januar 1906 verbrannte er den letzten Satz, und nach einer weiteren Aufführung in Prag warf er gar das gesamte Manuskript in die Moldau. Glücklicherweise bewahrte die erste Interpretin des Stückes, die Pianistin Ludmila Tučková, ihre Abschrift der ursprünglichen Version auf, was sie erst 1924 bekannt machte. So ist dieses von seinem Schöpfer für viele Jahre vergessene Klavierwerk der Nachwelt erhalten geblieben.

Der poetische Klavierzyklus Auf verwachsenem Pfade entstand schrittweise in den Jahren 1900, 1908 und 1911. Die fünf Kompositionen der ersten Reihe dieses Zyklus schrieb Janáček im Jahr 1900. Sie erschienen als kleine Stücke für Harmonium in den Slawischen Melodien, die der Lehrer Emil Kolář aus Ivančice in Heftform herausgab. Um die Verbreitung dieses Zyklus machte sich der Redakteur Jan Branberger verdient, indem er im Jahr 1908 bei dem Prager Verleger Bedřich Kočí die Publikation der Stücke in Auftrag gab. Das Interesse des Verlegers an den bestehenden Kompositionen bewegte Janáček zum Schreiben weiterer Teile, so dass der Zyklus nunmehr zehn Stücke umfasste, denen der Komponist poetische Namen gab. Kurz vor der Herausgabe der ersten Reihe des Zyklus beim Verlagshaus Píša veröffentlichte Janáček am 30. September 1911 in der belletristischen Abendbeilage der Tageszeitung Lidové noviny die erste Komposition aus der neuen Reihe des Zyklus Auf verwachsenem Pfade, diesmal jedoch bereits ohne den poetischen Namen. Als Vorlage für den Druck diente eine undatierte Abschrift Sedláčeks, die insgesamt drei nummerierte und durchweg namenlose Kompositionen enthielt, wobei die letzte davon eher eine Skizze war, welche Bartoš aus nachvollziehbaren Gründen nicht in die zweite Reihe aufnahm.

Auf sein Klavierstück Thema con variazioni, auch als Zdenka-Variationen bekannt, war Janáček zum Zeitpunkt seiner Entstehung so stolz, dass er ihm die Opusnummer 1 gab, obgleich er schon zuvor eine Reihe anderer Werke geschrieben hatte. Die Komposition entstand zu Beginn des Jahres 1880, als Janáček am Konservatorium in Leipzig studierte, unter der Anleitung seines Professors Leo Grill, und der Komponist widmete sie seiner Verlobten Zdenka Schulz. Für den jungen Janáček war dies ein wichtiges Werk, in welchem er sich in den Kompositionsstilen von Schumann, Tschaikowski, Liszt oder Brahms versuchte.

Den Klavierzyklus Im Nebel vollendete Janáček im April 1912. Kurz zuvor, im Jahr 1910, war er mit seiner Gattin und der Haushälterin in ein neues Häuschen im Garten der Orgelschule umgezogen, wo er, von der Welt abgeschirmt, mit angegriffenem Selbstbewusstsein und melancholischen Stimmungen hingegeben, sein letztes umfangreicheres Werk für Soloklavier komponierte. Sein Werk begann er, nachdem er kurz zuvor die Klavierwerke des französischen Komponisten Claude Debussy gehört hatte, und so ist es kein Zufall, dass sein träumerisches, melancholisches Werk Elemente des Impressionismus zeigt. Der Zyklus Im Nebel errang den ersten Preis in einem Kompositionswettbewerb des Klubs der Kunstfreunde, welcher die siegreiche Komposition hätte publizieren sollen. Janáček überließ diese Möglichkeit jedoch seinem Schüler Jaroslav Kvapil, dem zweiten Preisträger des Wettbewerbs. Der Zyklus Im Nebel erklang in der Interpretation Marie Dvořákovás erstmals am 7. Dezember 1913 in Kroměříž.

Autor: Jiří Zahrádka