11. 10. 2020, 19.00 Uhr

Basilika Mariä Himmelfahrt, Staré Brno

Orchester und Chor des Nationaltheaters Brno

Dirigent: Ondrej Olos

Chorleiter: Pavel Koňárek

Solisten: Peter Berger, Jana Hrochová, Jiří Sulženko, Pavla Vykopalová

Hinweis: Zuschauer sitzen mit dem Rücken zu Orchester, Chor und Solisten

Leoš Janáček (1854–1924): Das ewige Evangelium, JW III/ 8, Legende für Solostimmen, gemischten Chor und Orchester nach einem Gedicht von Jaroslav Vrchlický

Glagolitische Messe, JW III/9, für Solostimmen, gemischten Chor, Orgel und Orchester

Der Chor der Alt-Brünner Basilika Mariä Himmelfahrt war für Janáček ein Ort von essentieller Bedeutung. In der Augustinerabtei hatte er seine Kindheit verbracht, im Alt-Brünner Chor hatte er als Stiftungsschüler gesungen und später auch auf der Orgel gespielt. Als Pavel Křížkovský 1872 nach Olmütz wechselte, vertrat ihn Janáček in der Funktion des Chorleiters.

Seine in Versform gehaltene Legende mit dem Titel Das ewige Evangelium (Legende 1240) aus der 1891 herausgegebenen Sammlung Fresken und Gobelins schöpft ihre Inspiration aus der Lehre des mittelalterlichen Mönchs Joachim von Fiore (1132–1202), dessen Auslegung der Geschichte in einer Epoche des Heiligen Geistes gipfelt, also der Liebe der gesamten Menschheit zu allen lebenden Geschöpfen. Es mag als symbolisch betrachtet werden, dass Janáček diese Botschaft kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs vertonte. Wann das Werk genau entstand, ist nicht bekannt, aber der erste Hinweis auf seine Fertigstellung stammt aus dem Mai 1914. In Janáčeks Ewigem Evangelium wird die Prophezeiung des Joachim von Fiore in vier Teile untergliedert, in denen die Betonung auf dem Tenorpart und dem Chor liegt. Nicht nur von seiner Instrumentierung her ist das Evangelium musikalisch eng mit den Ausflügen des Herrn Brouček verbunden. Seine Premiere erlebte es erst am 5. Februar 1917 in einer Einstudierung des Prager Sängerbunds Hlahol und des Orchesters der tschechischen Philharmonie unter der Leitung des Dirigenten Jaroslav Křička.

Die Glagolitische Messe ist sicherlich eines der größten geistlichen Musikwerke nicht nur des 20. Jahrhunderts. Janáček dachte schon 1920 über diese Komposition nach, zu zielstrebiger Arbeit fand er jedoch erst 1926 die Zeit, als er das Werk während eines verregneten Kuraufenthalts in Luhačovice schrieb. Die Verwendung der kirchenslawischen Sprache kann bei Janáček nicht verwundern, war doch gerade das Alt-Brünner Kloster, in dem er seine Jugendjahre verbrachte, ein Zentrum des Kultes um die Slawenapostel Kyrill und Method. Janáček hatte selbst noch im Jahre 1869 als Stiftungsschüler an den pompösen Feierlichkeiten in Velehrad anlässlich des 1000. Todestags von Kyrill teilgenommen. Das großzügig konzipierte Werk für Solostimmen, Chor, Orchester und Orgel wurde vom Philharmonischen Verein Beseda brněnská zusammen mit dem Orchester des Brünner Nationaltheaters unter der Leitung von Jaroslav Kvapil am 5. Dezember 1927 uraufgeführt. Die Glagolitische Messe zählt weltweit zu den meistgespielten geistlichen Werken des 20. Jahrhunderts und begeistert bis heute durch ihre Modernität, ihre Energie, aber auch durch ihre Zärtlichkeit. Wenngleich Janáček diese Komposition einem hohen Würdenträger der katholischen Kirche, dem Olmützer Erzbischof Leopold Prečan, widmete, reicht ihre geistliche Dimension weit über die katholische Doktrin hinaus und geht eher in Richtung eines Pantheismus Janáčekscher Prägung.

Autor: Jiří Zahrádka